Autorin: Katja Baumgarten

DEUTSCHE HEBAMMEN-ZEITSCHRIFT Heft 5/2005

Interview mit Dr. Gerd Eldering

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Gerd Eldering

Dr. med. Gerd Eldering
Fotos: Katja Baumgarten

 

Nur Zuwendung hat Zukunft

Katja Baumgarten hat mit Dr. Gerd Eldering über die Veränderungen im Gesundheitswesen gesprochen. Der innovativ denkende Frauenarzt sieht gute Chancen für eine Geburtshilfe, die die Familie in den Mittelpunkt stellt und dennoch die künftigen ökonomischen Herausforderungen besteht

Katja Baumgarten: Warum haben Sie im Juni 2003 Ihre Tätigkeit als Chefarzt im Vinzenz-Palotti-Hospital Bensberg niedergelegt?

Dr. Gerd Eldering: Die Gründe, die Klinik zu verlassen, obwohl mein Vertrag noch längst nicht erfüllt war, sind mehrschichtig. Erstens haben wir in unserer geburtshilflichen Abteilung mit dem, was wir in den letzten 20 Jahren aufgebaut haben, das erreicht, was man erreichen konnte. Wir standen am Ende dieser Entwicklung. Das bedeutete für mich gleichzeitig wieder einen Aufbruch. Ich hatte die Vision, gegebenenfalls noch einmal die Geburtshilfe im Krankenhaus komplett umzustrukturieren und ein neues System in das Krankenhauswesen zu implementieren. Ich stand also vor der Entscheidung, ob ich jetzt ein neues Konzept initiieren sollte oder ob ich das vorhandene Konzept einfach weiterführe und die finanziellen und sonstigen Früchte daraus in den nächsten fünf Jahren bis zum Beginn meiner Pensionierung ernten sollte. Letzteres war mir zu wenig. Ersteres, ein geburtshilflicher Neuanfang, wäre zwar interessant gewesen, ließ sich aber nicht realisieren. Ich fand nicht die entsprechenden kompetenten Partner, die bereit gewesen wären, mein Konzept, beispielsweise als Modell-Projekt, zu realisieren. Die Geschäftsführungen und die Verwaltungen der Krankenhäuser waren mit der Einführung der DRGs anderweitig absorbiert - Qualitätsmanagement-Zentren einzuführen, Brustzentren aufzubauen und so weiter. Es gab zu wenig freie Kapazitäten, um meine Idee zu realisieren.

Worin besteht Ihr Konzept für eine Umstrukturierung?

Es macht keinen Sinn, wenn eine Frau, die keine medizinische Hilfe benötigt, in einem hoch technisierten Kreižsaal mit einem Stab an Hebammen und Ärzten entbindet. Während eine andere Frau, die sich gleichzeitig im Kreißsaal nebenan befindet, nicht die medizinische Versorgung bekommt, die sie bekommen müsste, weil eine Hebamme und die Ärzte gleichzeitig zwei bis drei, manchmal sogar vier Frauen auf einmal betreuen müssen. Das ist auch ökonomisch gesehen absolut sinnlos. 60 Prozent aller Frauen, die ohne Risiko zur Geburt kommen, müssen in solche - zum Teil auch abstoßende Kreißsäle gehen, wo sie sich innerlich nicht verbunden fühlen, um den Akt des Gebärens zu vollbringen. Sie fühlen sich dabei durch die medizinische Präsenz gestört. Sie könnten eigentlich wunderbar in Geborgenheit ihr Kind bekommen und diesen schöpferischen produktiven Akt ungestört vollziehen. Das können Krankenhäuser zurzeit mit der üblichen Ausstattung - personell und räumlich nicht bieten.

Gerd Eldering

Was wäre die Alternative?

Meine Idee ist folgende: Jede Frau, die sich für den Geburtsort ihres Kindes entscheidet, sollte diese Entscheidung auch nach medizinischen Gesichtspunkten treffen. Eine Frau ohne Risiko für die Geburt sollte nicht in der Klinik entbinden, sondern entweder zu Hause oder in einem Geburtshaus - das idealerweise in oder an der Klinik angesiedelt wäre, um Transportwege zu vermeiden und um sofortige medizinische Hilfe in Anspruch nehmen zu können. Ob eine Frau eine "No-risk-Geburt", eine "Low-risk"- oder "High-risk-Geburt" zu erwarten hat, wird durch eine gemeinsame Untersuchung und Beurteilung nach ausschliežlich medizinischen Gesichtspunkten mit der Hebamme und einem Arzt entschieden. Für Frauen ohne Risiko sind die Krankenhäuser momentan einfach nicht speziell gerüstet. Frauen mit hohem Geburtsrisiko entbinden selbstverständlich in der Klinik - mit der Betreuungsperson Hebamme, aber auch mit der medizinischen Kompetenz der Ärzte. Frauen mit einer "Low-risk-Geburt" können beispielsweise in einem Geburtshaus im Krankenhaus nur mit einer Hebamme ohne ärztliche Betreuung entbinden. Falls sich aus einer Low-risk-Geburt eine High-risk-Geburt entwickelt, wird die Frau in den Kreißsaal transferiert, wo sie mit entsprechend hoher medizinischer Kompetenz versorgt werden kann. Genauso muss eine Frau, deren Geburt zunächst als High-risk eingestuft worden ist, die Möglichkeit haben, in die Low-risk- oder No-risk-Gruppe zu wechseln. Die Einschätzungen müssen transparent bleiben und dürfen nicht starr sein. Dieses zu realisieren, erfordert ein hohes Maž an fachlicher Kompetenz und gegenseitigem Respekt aller begleitenden Geburtshelfer: Hebammen und Ärzte. Mit diesem Konzept können Kosten gespart werden. Und so könnten die Frauen, die eine High-risk-Geburt vor sich haben, eine Eins-zu-Eins-Betreuung durch die Hebammen und Ärzte erhalten.

Gerade Frauen mit Risikogeburten brauchen besonders viel Zeit, Zuwendung und menschlichen Rückhalt. Können Hebammen das in einem normalen Kreißsaal dann noch leisten - wird das bezahlbar bleiben?

Auf lange Sicht ist das sicher bezahlbar. Gerade deswegen muss das System dringend umstrukturiert werden. Die Hebammen im Kreißsaal müssen andere Aufgaben bekommen. Es ist ja Unsinn, dass Hebammen Dinge tun müssen, wie beispielsweise die Vorräte im Kreißsaal aufzufüllen. Das können andere machen. In der High-risk-Gruppe ist eine Eins-zu-Eins-Betreuung erforderlich. Die wird gegenwärtig nicht geboten. Durch eine mangelhafte Betreuung kann der Gesundheitszustand von Mutter oder Kind Schaden nehmen. Wenn man das einkalkuliert, ist der andere Weg sicher bezahlbar. Man spart ja auf der anderen Seite das medizinische Angebot für die Frauen ein, die keine medizinische Hilfe brauchen. Die außerklinisch tätige Hebamme bekommt ihre Gebühr für die Geburtshilfe und die Fallpauschale wird nicht abgerechnet. Möglicherweise müsste - fernab von den üblichen Mischkalkulationen - die Fallpauschale der Krankenhäuser für die Risikogeburten dann erhöht werden und für die Geburten im Geburtshaus ohne ärztliche Hilfe gesenkt werden.

Können Hebammen die Frauen überhaupt noch mit der geburtshilflich nötigen Ruhe begleiten?

In der Hausgeburtshilfe oder Geburtshausbetreuung gibt es das natürlich oder auch in den von Hebammen geleiteten Kreißsälen. Die sind vom routinemäßigen medizinischen System abgekoppelt. Ein von Hebammen geleiteter Kreißsaal kommt ohne Ärzte - und damit auch ohne den Konflikt "Arzt - Hebamme" aus. Im herkömmlichen System gibt es immer einen Konflikt, weil die Machtposition der Ärzte zu ihren Gunsten ausfällt. Ein von Hebammen geleiteter Kreißsaal hat die Chance, mit Zuwendung, aber dennoch mit fachlicher Kompetenz, den Frauen das zu geben, was sie in sich tragen, nämlich eine "Nicht-Risikogeburt" zu erleben - jedenfalls ist dies das Ziel. Diese Geburtshilfe ist vom üblichen Medizinbetrieb entkoppelt. Jeder stellt das zur Verfügung, was er kann. Entscheidend ist natürlich, dass die Hebammen auch die Größe haben müssen, sich zu entkoppeln und die Verantwortung zu übernehmen. Auf der anderen Seite müssen Hebammen auch die notwendige Fachkompetenz haben und sie müssen ihre Grenzen kennen. Leider überschreiten manche Hebammen ihre Möglichkeiten, weil sie die Frauen vor den Ärzten schützen wollen. Das ist gefährlich. Umgekehrt sollte es für Ärzte selbstverständlich sein, den Hebammen - natürlich auch den Frauen - zu helfen, ein geburtshilfliches Problem zu bewältigen. Die Ausbildungsgänge und das Selbstverständnis der beiden Berufsgruppen sind unterschiedlich. Es darf kein Konkurrenzdenken entstehen, wie man es häufig sieht: Die Hebammen denken, sie kommen ohne Ärzte aus und die Ärzte betrachten die Hebammen als Fußvolk. Hier ist eine gemeinsame Supervision angesagt!

Der Wert der Hebammenarbeit wird noch immer nicht überall als selbstständige Qualität in der Geburtshilfe respektiert.

Deswegen können sich heute auch noch manche Krankenhäuser und Ärzte erlauben, "Schwester" zu einer Hebamme zu sagen, wie in einer Klinik, die ich kürzlich besucht habe: Dort werden alle Hebammen mit "Schwester" angesprochen. Das bedeutet etwas: Entsprechend wird die Geburtshilfe dort sein. Aber sie haben wunderbare neue Kreižsäle - mit Sternenhimmel und so weiter. Frauen, die entbinden, brauchen keinen Sternenhimmel und kein Design des 30. Jahrhunderts. Sie brauchen eine Ecke, eine Höhle, Geborgenheit - nicht so einen offenen Kreißsaal, wo jeden Moment die Tür aufgehen kann und die Frau in ihrer Produktivität gestört wird. Die Marketing-Mentalität vieler Kliniken besagt: "Wir haben ein breites Bett, eine Badewanne, ein Seil von oben, einen Gebärhocker - bei uns kriegen Sie alles - suchen Sie es sich aus!" Aber selten findet man dazu ein Betreuungskonzept, wo die Hebammen sagen: "Wir zwei probieren einmal, was Ihnen gut tut. Hier haben wir einen Gebärhocker. Setzen Sie sich mal drauf! Versuchen Sie das doch mal." Oder: "Legen Sie sich doch mal ins Bett. Wenn Ihr Mann müde ist, kann er sich ruhig mit reinlegen. Wie Sie es zu Hause auch tun. Wenn ich reinkomme, klopfe ich. Dann warte ich einen Moment und erst wenn Sie 'herein' sagen, komme ich rein." Das verstehe ich unter "Bewahrung der Privatsphäre". Das erhält den Frauen beziehungsweise den Familien die Stärke.

Gerd Eldering

Wie sehen Sie die langfristige Entwicklung in der Geburtshilfe?

Die Krankenhäuser sind durch die Einführung der DRGs und durch die Gesundheitsreform in einen zunehmenden Konkurrenzkampf gekommen, der nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten geführt werden muss - entweder man überlebt oder man fällt hinten runter. Wir haben in Deutschland einen erheblichen Geburtenrückgang: Früher wurden über 900.000 Kinder im Jahr geboren. Jetzt liegen wir bei jährlich 750.000 bis 780.000 Geburten. Das sind etwa fünf Prozent weniger pro Jahr. Man rechnet damit, dass sich ausgehend vom Jahr 2000 bis zum Jahr 2030 die Zahl der Kinder halbieren wird. Zurzeit haben wir in Deutschland eine Überkapazität an geburtshilflichen Betten bei sinkenden Geburtenzahlen und sich verkürzender Verweildauer in den Krankenhäusern. Man muss davon ausgehen, dass bis zum Jahre 2030 die Hälfte aller geburtshilflichen Abteilungen geschlossen wird. Erst Recht, wenn man bedenkt, dass sich weniger als 700 Geburten im Jahr für eine Klinik nicht rechnen - und dass die medizinische Versorgung durch Hebammen und Ärzte immer teurer wird. Die Zahl der Entbindungsabteilungen wird sich erheblich reduzieren: Die kleinen Abteilungen mit weniger als 700 Geburten werden nicht bestehen können. In fünf bis zehn Jahren werden kaum noch Frauen im Krankenhaus bleiben, um sich auszuruhen - wenn sie denn überhaupt im Krankenhaus entbunden haben. Das wird zu teuer. Sie werden bald nach der Geburt nach Hause gehen. Die Zahl der ambulanten Geburten wird also für Frauen ohne medizinisches Risiko erheblich zunehmen. Deswegen werden sich auch die Kliniken ändern: Sie werden medizinische Kompetenzzentren sein, mehr nicht. Die Betreuung des größten Teils der Frauen liegt dann in der Hand der Hebammen. Dieses Konzept vernünftig umzusetzen, bedeutet sehr viel Input.

Durch Ihre Beratungstätigkeit haben Sie Einblick in viele Kreißsäle und Entbindungsstationen. Hat sich die Geburtshilfe durch die Gesundheitsreform geändert?

Die Geburtshilfe kann sich nicht dadurch ändern, sie ändert sich nur mit den Menschen, die mit ihr umgehen. Es gibt positive Entwicklungen in Deutschland, wo sich eine weitere Unterstützung lohnt. Es gibt Kreißsäle und Entbindungseinheiten, die mit sehr hoher menschlicher Kompetenz und Emotionalität in scheußlicher Umgebung zurecht kommen und dabei einen wichtigen Stellenwert haben. Auf der anderen Seite gibt es wunderbar ausgestattete Kreißsäle, ohne dass dort wirklich eine fürsorgliche Betreuung gelebt wird, weder von den Hebammen noch von den Ärzten. Die DRGs spielen da nicht die entscheidende Rolle. Es ist Vieles Fassade, weil die Konkurrenz der Krankenhäuser untereinander so groß geworden ist. Viele Krankenhäuser sind vom Marketinggedanken beseelt und meinen, damit etwas retten zu können. Aber man steht nicht richtig mit Haut und Haar dahinter. Sie ändern das äußere Ambiente, indem sie Gebärbadewannen aufstellen, denn es wird ja auch immer danach gefragt. Aber wie viele Frauen entbinden dort letztlich in einer Gebärbadewanne? Die Geburtshilfe hat sich nicht verändert, sie ist weniger transparent geworden. Da fehlt häufig eine Ehrlichkeit. Geburt muss heutzutage verkauft werden. Geburtshilfe ist ein Markt - das ist nicht "Werdung von Familie". Der Markt steht in den Krankenhäusern im Vordergrund. So müssen sie auch denken - sie werden ja auch entsprechend kontrolliert und honoriert.

Kann eine menschliche Geburtshilfe auf so einem Markt überhaupt bestehen?

Ich habe das Glück gehabt, in einer Zeit eine Klinik hochzubringen, in der die Frauen kritisch gewesen sind. Wenn man eine ehrliche Medizin macht, wo man das, was man sagt, auch wirklich lebt, dann hat diese Art der Geburtshilfe eine Chance. Nicht umsonst sind einige Kliniken beliebter als andere. Ein vordergründiges Marketing wird sich auf die Dauer nicht halten lassen, sondern nur eine zuwendungsreiche Geburtshilfe. Wenn Betten abgebaut und viele Kliniken geschlossen werden, dann bleiben möglicherweise nur noch vordergründig gut funktionierende Medizineinrichtungen übrig. Diese Medizineinheiten müssen dann auch für solche Frauen zur Verfügung stehen, die sie brauchen. Der Rest geht dann nicht mehr in die Klinik.

Kann es auch positiven Einfluss auf die Geburtshilfe haben, selbst wenn die Veränderungen nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten vorangetrieben werden?

Ja, das denke ich schon. Es ist vielleicht auch eine Chance für die Frauen, eine andere Geburtshilfe zu verlangen und zu bekommen. Auf der anderen Seite weiß ich nicht, ob das in unserer "Lifestyle-Gesellschaft" überhaupt gewollt ist: siehe gewünschter Kaiserschnitt ohne Indikation. Es ist die Frage, ob es die Frauen sind, die sich das nehmen oder ob sie wissen, was sie überhaupt wünschen. Ein Großteil der Frauen wird immer konformistischer und hat mehr den Gedanken des Wohlergehens im Kopf. Viele Frauen scheinen zu vergessen, dass die Beziehung zwischen ihnen und ihren Kindern das Hauptwohlergehen sein sollte.

Der Wunschkaiserschnitt ist ein Angebot auf einem expandierenden "Geburtshilfe-Markt". Wird den Frauen nicht ein falsches Bild vom Geschehen verkauft?

Das haben wir doch überall im Marketing, dass falsche Bilder verkauft werden. Deswegen ist es wichtig, Frauen und Familien darüber aufzuklären, was sie wirklich mit ihrer Entscheidung bewirken. Sei es die Pränataldiagnostik, die Geburtshilfe oder die Zeit nach der Geburt: Die Eltern müssen sich damit auseinander setzen. Aber wenn sie noch nicht einmal wissen, was sie wollen, dann müssen sie das nehmen, wo sie theoretisch denken, dass es ihnen gut tut. Die Zeit ist vorbei, wo die Frauen sagten, "Mein Bauch gehört mir". Der Bauch der Frau gehört heute zum größten Teil anderen, den Kliniken und den DRGs.

Gegenwärtig wird immer schneller die Entscheidung zu operativen Eingriffen getroffen. Ist das neue Abrechnungssystem die Ursache?

Das hat verschiedene Gründe: Erstens ist man ein möglicherweise aufkommendes Problem los und zweitens kann man seine Zeit besser einteilen. Es ist sehr aufwändig, nachts neben einer Geburt zu sitzen, zu warten und nichts zu tun - um der natürlichen Geburt eine Chance zu geben.

Wird so etwas bald der Vergangenheit angehören?

Nein, ich möchte ein Beispiel nennen: Durch meine persönliche Erfahrung mit der Wassergeburt überblicke ich bundesweit etwa 20.000 Geburten im Wasser. Mir ist bis heute kein Fall bekannt, in dem ein Kind durch eine Wassergeburt zu einem bleibenden Schaden gekommen ist. Warum? Weil die Wassergeburt die Nähe der Hebamme erfordert - das Betreuungskonzept ist so angelegt, dass alle Frauen bei einer Wassergeburt eine Eins-zu-Eins-Betreuung haben. Es scheint die intensive Betreuung durch die Hebammen zu sein, die die Risiken abwendet. Da geht es nicht mehr um Machtverhältnisse, sondern um etwas Genuines, was die Hebammen in diesem Bereich leisten und auch leisten müssen. Wenn das so ist, dass durch die Eins-zu-Eins-Betreuung wirklich weniger passiert, dann muss man doch erst Recht für die Risikofälle grundsätzlich eine solche Betreuung verlangen. Ich denke, das ist ein politisches Problem. Es ist ein Problem der Hebammen- und Ärzteverbände, dies auch für andere transparent zu machen. Sie sollten viel mehr aufeinander zu gehen, mehr miteinander statt gegeneinander agieren. Auch die beiden Berufsverbände der Hebammen sollten stärker Einfluss nehmen, indem sie sich auf eine gemeinsame Strategie einigen. Die Ökonomie im Krankenhaus funktioniert offenbar nach Gesichtspunkten, die der Geburtshilfe widerstreben.

Gerd Eldering

Gibt es Kräfte, die das wieder zusammen denken?

Es wird wieder anders kommen, es wird einen Rebound-Effekt geben. Die Entwicklung in der Geburtshilfe ist wie ein Ausprobieren. Im Moment wird Hightech und 4D-Ultraschall probiert. Das wird wieder umschlagen. Es wird anders werden, wenn die Frauen wieder merken, dass die Geburt etwas so Außergewöhnliches und Besonderes ist, dass sie gut vorbereitet werden muss. Und zwar nicht nur mit irgendwelcher Atemtechnik, sondern wirklich mit Aufklärung über das, was im Körperlichen und im Seelischen vor sich geht. Im Moment spielt in unserer Lifestyle-Gesellschaft das Körperliche eine große Rolle. Der Widerstand, den Frauen früher hatten, wird heute unterlaufen und kommt nur oberflächlich auf.

Denken Sie, die Frauen können das Selbstvertrauen wieder ergreifen, das ihnen verloren gegangen zu sein scheint?

Ich hoffe es. Ich finde es eigentlich schlimm, dass Frauen da in ihre Rolle zurückfallen, die sie vor Jahrzehnten hatten, dass sie Opfer von irgendwelchen Systemen sind. Sie haben nicht mehr so viel Selbstwertgefühl und Mut, sich dagegen zu stellen, da auf der anderen Seite der Druck der Medizin ganz erheblich ist. Nach dem Motto: "Wenn Sie das nicht machen, dann ist das aber schlecht für Sie und ihr Kind." So wird es immer verpackt. Die Ambivalenz, die auch wir Mediziner haben, kommt ja fast nie zum Ausdruck. Wir sind häufig gar nicht so sicher, wie wir vorgeben. Wenn man sich zum Beispiel mit einer Frau über den Wunschkaiserschnitt unterhält, denkt man manchmal, vielleicht ist eine Sectio wirklich besser für diese Frau, wenn sie diese Ängste hat und wenn sie einen nun bereits auf eine Sectio angesprochen hat. Da darf dann bei der Geburt nichts passieren - das engt einen ein. Auch dieses Gefühl, wenn man eine Frau doch überzeugt hat, eine Normalgeburt zu versuchen und das Ganze endet nach zehn oder zwölf Stunden in einer Sectio, dann sagt einem die Frau oder Familie: "Wir wollten ja von vornherein eine Sectio. Ich weiß gar nicht, warum wir uns so lange quälen mussten."

Ich bin skeptisch, ob sich das Rad wieder zurück drehen lässt. Die Frauen fühlen sich weniger als Opfer, sondern eher als Kundinnen, die die Wahl haben. Es ist eigentlich ein geburtshilfliches Angebot, das indirekt zu Opfern führt.

Es wird wohl nicht wieder zum Ausgangspunkt zurückgehen. Vielleicht war der Ausgangspunkt ja auch nicht richtig. Ich weiß nicht, ob es zum Beispiel richtig gewesen ist, jede Sectio zu umgehen und eine Sectiorate von unter zehn Prozent anzustreben. Aber es ist sicher auch falsch, heute so viele Kaiserschnitte durchzuführen. Man wird wieder einen Mittelweg finden müssen, vielleicht über die Zwänge der Vergütung. Ich finde es schade, dass es über die monetäre Schiene zu laufen scheint und nicht inhaltlich begründet ist. Die Betreuer, also Hebammen und Ärzte, sollten möglichst nach dem Prinzip der Eigenempfindung handeln. Die erste Frage, die wir uns beantworten müssen, heißt: Ist es medizinisch notwendig? Wenn wir meinen, dass etwas medizinisch nicht notwendig ist, sollten wir es nicht machen. Zweitens: Würde ich diese oder jene Betreuung für mich auch haben wollen? Wenn ich nicht damit einverstanden wäre, dann darf ich das nicht machen. Wenn man nach diesem Motto vorgeht, ist das eine gute Ausgangsposition, sein Fachwissen, seine Kompetenz und seine Emotionalität zur Verfügung zu stellen.

Gerd Eldering

 

Der Interviewte

Dr. med. Gerd Eldering
war von 1980 bis 2003 Chefarzt der Frauenklinik des Vinzenz-Pallotti-Hospitals Bensberg, wo er mit seinem Team wegweisende Konzepte der familienorientierten Geburtshilfe entwickelte. So führte er beispielsweise die Wassergeburt und den Kaiserschnitt nach Misgav Ladach in Deutschland ein.1989 gründete er zusammen mit der Hebamme Sabine Friese-Berg die Hebammenschule am Krankenhaus Bensberg und leitete sie. Daneben ist er seit 1980 Leiter des Zytologischen Instituts. 1990 gründete er mit Sabine Friese-Berg und der Physiotherapeutin Annemie Hoppe das Fortbildungszentrum Bensberg, dessen Leitung er ebenfalls übernahm. In diesem Zentrum werden Fortbildungen für Hebammen, Krankenschwestern, Kinderkrankenschwestern und Gynäkologen, Arbeitsanalysen sowie ein Coaching von Frauenkliniken, die ihre Geburtshilfe verändern möchten, angeboten.

 

Die Autorin

Katja Baumgarten ist freie Hebamme, Filmemacherin und Journalistin in Hannover. Sie ist als Mitglied der Redaktion und als Fachbeirätin für die Deutsche Hebammen Zeitschrift tätig.
Weitere Informationen: www.KatjaBaumgarten.de



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